Universität Heidelberg | Theologische Fakultät Trier
Ortsangaben der Bibel (odb)
Start orte Ortsnamen Literatur Karte    

zurück zur Übersicht

 

Tarschisch

 

 

 

 

 

 

Weitere Namen

Tarsis; Tharsis; Tarshish

Lokalisierungsvorschläge

Namensformen AT

תרשיש taršîš. Θαρσις, Καρχηδον

Belege AT

1Kön 10,22; 1Kön 22,49; Jes 2,16; Jes 23,1; Jes 23,6; Jes 23,10; Jes 23,14; Jes 60,9; Jes 66,19; Jer 10,9; Ez 27,12; Ez 27,25; Ez 38,13; Jon 1,3; Jon 4,2; Ps 48,8; Ps 72,10; 2Chr 9,21; 2Chr 20,36-37; PN: Gen 10,4; 1Chr 1,7; 1Chr 7,10

Belege NT

ausserbiblische Belege aus vorhellenistischer Zeit
(BIS CA. 300 v.Chr.)

tarša (hetitisch: Monte, Guiseppe F. del / Tischler, Johann 1978a, 408; Monte, Guiseppe F. del 1992a, 163)
tršš (phönizisch [Nora-Stein Zeile 1]: KAI 46; Niehr, Herbert 2020a, 504)
tarsisi [kurtar-si-si] (neuassyrisch: Borger, Riekele 1956a, 86; Parpola, Simo 1970a, 349; Bagg, Ariel M. 2007a, 251)

Deuterokanonische Texte und Ausserbiblische Belege
ab hellenistischer Zeit

Ταρτησσος (Herodot 1,163; 4,152.192; Strabon 3,2.11; zu weiteren Belegen s. Galling, Kurt 1972a)
Ταρσος (Apg 9,30; Apg 11,25; Apg 22,3)
Θαρσεις (=Ταρσος) (Josephus, antiquitates 1,127)
Ταρσος (Josephus, antiquitates 9,208)
Θαρσεις (Eusebius, Onomastikon: Timm 127,7–128,3 § 513; Klostermann 100,23–102,2; Notley, R. Steven / Safrai, Zeʾev 2005a, 97f § 511); Tharsis (Hieronymus: Timm 127*,8–128*,4)
Καρχηδων (Eusebius, Onomastikon: Timm 151,2f § 620; Klostermann 118,16f; Notley, R. Steven / Safrai, Zeʾev 2005a, 113f § 617); Carchedon (Hieronymus: Timm 151*,2–4)
tršjš (Targum Onkelos und Neofiti zu Gen 10,4: Sperber, Alexander 1959a, 14; Díez Macho, Alejandro 1968a, 52f; Díez Macho, Alejandro 1988a, 62)
ṭrss (Targum Pseudo-Jonatan zu Gen 10,4: Díez Macho, Alejandro 1988a, 63)

Beschreibung

Alttestamentliche Genealogien verwenden Tarschisch als Personennamen (Gen 10,4; 1Chr 1,7; 1Chr 7,10). Die Verbindung zu Jawan deutet darauf hin, dass Tarschisch in der Mittelmeerwelt gedacht ist. Tarschisch ist zudem als Name eines Höflings am Hof von Susa (Est 1,14) und als Bezeichnung eines Edelsteins bezeugt (Hld 5,14; vgl. Ex 28,20; Ex 39,13; Ez 1,6; Ez 10,9; Ez 28,13; Dan 10,6), ohne dass diese Belege in Zusammenhang mit dem Toponym gebracht werden können. Im topographischen Gebrauch kennzeichnet Tarschisch meist eine weit entfernte Gegend (Jes 23,6; Jes 23,10; Jes 66,19, Jer 10,9; Ez 27,12; 38,13; Jon 1,3; Jon 4,2; 2Chr 9,21; 2Chr 20,36-37). Mehrfach ist die Wendung „Tarschischschiffe“ bezeugt. Sie meint hochseetaugliche, für lange Strecken geeignete Schiffe (1Kön 10,22; 1Kön 22,49; Jes 2,16; Jes 23,1; Jes 23,14; Jes 60,9; Ez 27,25; 2Chr 9,21). Nach 1Kön 22,49 fahren die Schiffe nach Ofir im Süden Arabiens. Erst die Chronik versteht den Ausdruck „Tarschischschiffe“ so, dass die Schiffe nach Tarschisch fahren (2Chr 9,21). Für ein in Arabien gelegenes Tarschisch gibt es daher keinen zuverlässigen Anhaltspunkt. In Ps 72 und Ez 38 kennzeichnet Tarschisch den äußersten Westen der bekannten Welt. Auch das Jonabuch (Jon 1,3; Jon 4,2) und Jer 10,9 kennen Tarschisch als weit entfernte Region im Westen. Jes 23 und Ps 72,10 lassen erkennen, dass es sich um eine Küstenregion am Mittelmeer handelt. Trotz philologischer Probleme wird häufig an der Identität des biblischen Tarschisch mit dem in neuassyrischen Dokumenten belegten Toponym tarsisi festgehalten. Dieses wird gewöhnlich mit dem auch in der Apostelgeschichte genannten Ort Tarsos (Tarsus) in Kilikien, d.h. im Südosten Kleinasiens, gleichgesetzt. Eine neuassyrische Inschrift aus der Zeit Asarhaddons (7. Jh. v.Chr.) nennt allerdings nacheinander die Könige von Zypern, Jawan (Griechenland) und tarsisi als unterworfene Herrscher (Day, John 2012a, 360f). Wenn dabei eine Reihenfolge von Ost nach West eingehalten ist, kennzeichnet tarsisi den westlichsten Teil der Mittelmeerkolonien, die von den mit Assyrien kooperierenden phönikischen Städten unterhalten wurden. Aufgrund der differenzierten Quellenlage war und ist die gedachte Lage von Tarschisch umstritten. LXX kennt neben der Transkription des Namens als Θαρσις auch den Ausdruck Καρχηδον, der den Ort Karthago/Qarṭāǧ an der Küste Nordafrikas meint (Jes 23; Ez 27; Ez 38). Vulgata folgt dieser Interpretation in Ez 27,12 (Carthaginienses). Karthago war ursprünglich eine von der phönikischen Stadt Tyrus aus gegründete Kolonie, die nach einer legendären Erzählung im ausgehenden 9. oder frühen 8. Jh. v.Chr., nach archäologischen Zeugnissen jedoch vermutlich erst im 7. Jh. v.Chr. eingerichtet wurde. Ab etwa der Mitte des 1. Jahrtausends v.Chr. agierte die Stadt als eigenständige Macht im Mittelmeerraum und war einer der Hauptwidersacher des expandierenden Römischen Imperiums. Im ausgehenden 3. Jh. v.Chr. wurde von Karthago aus eine Kolonie an der Südwestküste der Iberischen Halbinsel gegründet, die Carthago nova genannt wurde und an der Stelle der heutigen spanischen Hafenstadt Cartagena lag (Wittke, Anne-Maria u.a. 2012a, 63.71.134‒149 passim). Insofern ist nicht völlig auszuschließen, dass LXX diese Filiale Karthagos meint. Josephus  dagegen identifiziert Tarschisch mit Tarsos in Kilikien (antiquitates 1,127; 9,208). Dieser Traditon folgt Targum Pseudo-Jonatan, das den Namen Tarschisch aus Gen 10,4 mit ṭrss wiedergibt, im Gegensatz zu anderen Targumen, welche die alttestamentliche Namensform beibehalten und tršjš schreiben. Seit dem Altertum sind somit zwei konkurrierende Traditionen zur Lage von Tarschisch im Umlauf, auf die sich die einschlägige Fachliteratur bis heute in unterschiedlicher Weise bezieht. Die eine sucht Tarschisch im Bereich der phönikischen Kolonien im Westen der Mittelmeerwelt, die andere an der kilikischen Küste im Ostmittelmeerraum. Die Option für eine der beiden Lokalisierungstraditionen hängt davon ab, ob die Auslegenden sich auf Texte der griechisch-römischen Antike oder auf  keilschriftliche Dokumente berufen. Vertreter der Lokalisierung von Tarschisch im westlichen Mittelmeergebiet können sich auf die alttestamentlichen Texte stützen, die Tarschisch als weit entfernte Region kennzeichnen. Sie setzen das biblische Toponym mit dem seit dem 6. Jh. v.Chr. und insbesondere seit Herodot in antiken Texten bezeugten Tartessos gleich (u.a. Galling, Kurt 1972a; Koch, Michael 1984a; Hagedorn, Anselm 2004a, 53‒60; Day, John 2012a). Obwohl Herodot (4,152) Tartessos als Ort bezeichnet, handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit um ein größeres Gebiet im Süden der Iberischen Halbinsel, das von der phönikischen Stadt Tyrus aus ab dem 8. Jh. v. Chr. kolonisiert wurde . Einige der Ez 27,12 genannten Erze wurden dort abgebaut (zur Lage von Tartessos und den Bergbaugebieten s. Wittke, Anne-Maria u.a. 2012a, 62f.71). Wer sich dagegen auf das in keilschriftlichen Dokumenten bezeugte tarsisi beruft, hält an der seit dem 1. Jh. n.Chr. bezeugten Gleichsetzung mit Tarsos (Tarsus) fest, obgleich die Identität von tarsisi und Tarsos nicht eideutig erwiesen ist (u.a. Bunnens, Guy 1979a, 331‒348; Lemaire, André 2000a; Bagg, Ariel M. 2007a, 251). Die Vertreter dieser These können sich möglicherweise auf Gen 10,4 berufen. Der Vers nennt Tarschisch nach Elischa (wahrscheinlich Zypern) und fügt als appositionelle Ergänzung den Hinweis auf die Kittäer (wahrscheinlich die Bewohner Zyperns und angrenzender Küstenregionen) und die Dodaniter/Rodaniter (vermutlich die Bewohner von Rhodos) hinzu. Die Angaben von Gen 10,4 scheinen sich daher auf den östlichen Mittelmeerraum zu konzentrieren, was eine Gleichsetzung von Tarschisch mit tarsisi/Tarsos nahelegen könnte (Garbini, Giovanni 1965a). Eher randständig wird darüber hinaus aufgrund der im Ezechielbuch genannten Warenlieferungen aus Tarschisch eine Identifizierung mit der Insel Sardinien erwogen (Thompson, Christine M. / Skaggs, Sheldon 2013a). Die Unsicherheit hinsichtlich einer sicheren Lokalisierung von Tarschisch und die Vielfalt der in den  Quellen genannten Aspekte führen manche Auslegende zu der Annahme, mit dem Ausdruck Tarschisch seien mehrere Orte oder Landschaften gemeint (Speiser, Ephraim Avigdor 1964a, 66; Westermann, Claus 1974a, 678) bzw. zu der These, Tarschisch sei ein rein symbolischer Name (Görg, Manfred 1981a; Nocquet, Dany 2014a). Bei Würdigung der unterschiedlichen Gesichtspunkte scheint eine differenzierte Lösung möglich zu sein. Die Mehrzahl der alttestamentlichen Texte, die Tarschisch als Toponym behandeln, scheinen eine entfernte Gegend im westlichen Mittelmeer, also vermutlich das Tartessos der klassisch-antiken Texte, im Blick zu haben. Die alttestamentlichen Genealogien dagegen (Gen 10,4; 1Chr 1,7), nehmen, wie in vielen anderen Fällen auch, einen zeitgenössisch bekannten Namen auf, um die verzweigte Genealogie der Söhne Noachs zu konstruieren. Analog zu anderen Namen der Nachfahren Jafets (Tubal, Togarma, Elischa) sollte dabei eher an das keilschriftliche tarsisi gedacht werden. Eine Bezugnahme auf das spätestens seit dem 5. Jh. v.Chr. bekannte Tartessos ist  jedoch nicht völlig auszuschließen. In der Rezeption der alttestamentlichen Texte wurde Tarschisch dann auf jeweils zeitgenössisch bekannte und politisch einflussreiche Größen bezogen, entweder auf Karthago bzw. Carthago Nova (LXX, Vulgata) oder auf die seit dem 1. Jh. v.Chr. aufblühende Stadt Tarsos in Kilikien (Josephus, Targum).
 

 

Autor: Detlef Jericke, 2017; letzte Änderung: 2024-07-26 11:45:30

 

 

 

 

Lexikonartikel

  • BRL (1937), 510f (Galling, Kurt, Art. Tarsis)
  • RGG3 3 (1959), 1160f (Kawerau, Peter, Art. Karthago)
  • BHH 3 (1966), 1965 (Knippenberg, Renate, Art. Tharsis)
  • BRL2 (1977), 332f (Galling, Kurt, Art. Tarsis)
  • NBL 3 (2001), 785 (Görg, Manfred, Art. Tarschisch)
  • ABD 6 (1992), 331 (Bush, Frederic W., Art. Tarshish [Person]); 6 (1992), 331-333 (Baker, David W., Art. Tarshish [Place])
  • LThK3 5 (1996), 1272-1275 (Gessel, Wilhelm M., Art. Karthago); 9 (2000), 1271 (Bohlen, Reinhold, Art. Tarschisch)
  • DNP 2 (1997‒1999), 998f (Barceló, Pedro, Art. Carthago Nova); 12/1 (2002), 37f (Hild, Friedrich, Art. Tarsos); 12/1 (2002), 39f (Blech, Michael / Barceló, Pedro, Art. Tartessos)
  • WiBiLex 2019 (Grüninger, Ann-Christin, Art. Tarsis)
  • EBR 4 (2012), 1013-1015 (Vainstub, Daniel, Art. Carthage)

 

Literatur

Gunkel, Hermann 1910a , 153 ;  Albright, William Foxwell 1941aHölscher, Gustav 1949a , 21.46 ;  Skinner, John 1951a , 198f ;  Simons, Jan 1959a , 88f § 251 ;  Speiser, Ephraim Avigdor 1964a , 66 ;  Garbini, Giovanni 1965aCintas, Pierre 1966aGalling, Kurt 1972aWestermann, Claus 1974a , 678 ;  Zimmerli, Walther 1979a , 652 ;  Franxman, Thomas W. 1979a , 107 ;  Bunnens, Guy 1979a , 331-348 ;  Görg, Manfred 1981aBerger, Paul-Richard 1982aKoch, Michael 1984aWenham, Gordon J. 1987a , 218 ;  Sarna, Nahum M. 1989a , 71 ;  Lipiński, Edward 1990a , 51f ;  Görg, Manfred 1991a , 22-32 ;  Maier, Johann 1991a , 174.188.191f ;  Soggin, Jan Alberto 1997a , 169 ;  MacDonald, Burton 2000a , 99 Anm. 9 ;  Lemaire, André 2000aLipiński, Edward 2004a , 235-265 ;  Hagedorn, Anselm C. 2004a , 53–60 ;  Maier, Johann 2004a , 156.170.173 ;  Gmirkin, Russell E. 2006a , 150‒152 ;  Burke, Aaron A. 2006aCastillo, Arcadio del 2007aSaur, Markus 2008a , 197-199 ;  Day, John 2012aThompson, Christine M. / Skaggs, Sheldon 2013aKoch, Michael 2014aNocquet, Dany 2014aGonzález de Canales Cerisola, Fernando 2014aCelestino Pérez, Sebastián 2014aHagedorn, Anselm C. 2014a , 135-140 ;  Ruiz-Gálvez, Marisa 2015aRodrígez Díaz, Alonso 2015aPadilla Monge, Aurelio 2015aCelestino Pérez, Sebastián / López-Ruiz, Carolina 2016aMontenegro, Julia / Castillo, Arcadio del 2016aMaluquer de Motes, Joan 2016aGertz, Jan Christian 2018a , 309 ;  Breyer, Francis 2019a , 102 ;  Niehr, Herbert 2020aEshel, Tzilla 2022aDay, John 2022aGaitzsch, Tilmann 2022a